Starkes Geschlecht – schwache Leisten: Aus anatomischen Gründen haben Männer öfter Leistenprobleme als Frauen
Die Leiden der Männer?
Verglichen mit anderen Körperteilen ist es um die Leiste eher still. Doch der Schein trügt. Mehr als 180.000 mal pro Jahr reparieren Chirurgen Leisten an Schwachstellen, die einem Bruch den Weg bahnten. Damit gehören Operationen von Leistenbrüchen (Hernien) zu den häufigsten chirurgischen Eingriffen in Deutschland. Männer sind acht- bis neunmal häufiger betroffen als Frauen. Und wenn Fußballspieler miteinander reden, geht es bisweilen auch um Probleme wie „Sportlerleiste“ und „weiche Leiste“ – mithin chronische Leistenbeschwerden. Zudem lassen sich Schmerzen in sensiblen Bereichen wie Leiste und Hoden nicht immer scharf voneinander trennen. Sind Leistenbeschwerden also ausgemachte Männersache?
Die Antwort lautet Jein: Denn Schmerzen in der Leiste betreffen auch Frauen, meist aber anders und letztlich seltener. Bei Leistenbruch und Sportlerleiste (siehe Kapitel „Leistenbruch, Schenkelbruch“) liegen Männer jedenfalls klar vorne. Etwa drei Prozent der Säuglinge und Kleinkinder – mehrheitlich kleine Jungen, deutlich weniger Mädchen – entwickeln einen Leistenbruch. Auch mit einem Harnsteinleiden, das mitunter heftige Schmerzsignale in Richtung Leiste schickt, plagen sich Männer doppelt so oft herum wie Frauen. Noch mehr gilt das für die Hüftkopfnekrose, eine Art „Infarkt“ des Hüftgelenkes. Und für Hodenschmerzen sowieso. Relativ ausgeglichen ist die Geschlechterverteilung dagegen bei der Hüftarthrose, einer weiteren zentralen Ursache von Leistenschmerzen. Die schmerzvolle Beckenringlockerung im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft kommt natürlich nur bei Frauen vor. Damit stehen bereits wichtige Auslöser von Schmerzen in der Leiste fest – und die "Mehrheitsverhältnisse" auch.
Schmerzen in der Leiste: Was kann es alles sein?
Nr. 1: Leistenbrüche
Dass die Leiste leicht Probleme macht, hat mit dem Leistenkanal zu tun. Der vier bis fünf Zentimeter lange, schräg verlaufende Spalt am unteren Ende der Bauchwand stellt eine natürliche Schwachstelle dar, durch die sich Gewebe aus dem Bauchraum nach außen unter der Haut vorstülpen kann. Manchmal ist sogar etwas Darm oder – in den seltenen Fällen, bei denen Mädchen oder Frauen betroffen sind – ein Teil des Eierstocks mit dabei. Sollte sich der Bruchinhalt einklemmen, ist das nicht nur höchst schmerzvoll, sondern auch gefährlich: Wird das abgeschnürte Gewebe nicht mehr durchblutet, verwandelt sich der zunächst eigentlich harmlose Bruch schnell in eine lebensgefährliche „Falle“. Um einen solchen Notfall zu vermeiden, sollte ein einmal festgestellter Leistenbruch zeitnah operiert werden. Kinder machen da übrigens keine Ausnahme.
Leistenbrüche sind die häufigsten äußeren Eingeweidebrüche – so heißen alle jene, die nach außen vor die Bauchwand treten. Auch Nabel- und Narbenbrüche gehören dazu, außerdem Schenkelbrüche. Diese kommen gelegentlich bei Frauen als Ursachen von Schmerzen in der Leiste und am Oberschenkel vor. Mehr dazu im Kapitel „Leistenbruch, Schenkelbruch“.
Verdickte Lymphknoten
Normalerweise fühlt man Lymphknoten nicht oder höchstens mal vereinzelt als erbsgroße Knötchen in der Leiste. Lymphknoten sind zentrale Abwehrstationen des Immunsystems. Werden sie vermehrt beansprucht, nehmen sie an Größe zu (Lymphadenitis oder Lymphadenopathie). Bei Infektionen oder Entzündungen am Bein zum Beispiel können die in der Leiste anschwellen und mitunter auch schmerzhaft sein.
Manchmal verbirgt sich eine eigenständige Krankheit des Lymphsystems hinter verdickten Lymphknoten. Auch entzündlich-rheumatische Erkrankungen oder spezielle Infektionskrankheiten kommen infrage. In der Regel finden sich die Schwellungen dann aber an mehreren Körperstellen, darunter oft am Hals. In diesen Fällen sind die „Knubbel“ aber meist schmerzlos.
Ursachen in der Umgebung
Nicht selten sind Probleme mit den Muskeln, Sehnen und Gelenken der Grund für Schmerzen in der Leiste und /oder Hüfte. Infrage kommen Verschleiß an der Lendenwirbelsäule, Erkrankungen des Hüftgelenkes oder Fehlstellungen der Füße und Knie.
Auch Verletzungen oder Überbelastungen von Muskeln und Sehnen im Bereich des Beckens, der Hüften und Oberschenkel bei sportlich Aktiven ziehen häufig Schmerzen nach sich, die in die Leistengegend ausstrahlen können.
Eine weitere wichtige Quelle für Leistenschmerzen sind Harnsteinleiden. Hier wie dort liegen Männer vorne.
Ganz klar Männersache sind natürlich Erkrankungen der Hoden und Nebenhoden. Die Leiste kann hier jeweils schmerzhaft mitbetroffen sein, im Mittelpunkt steht aber der Hodenbereich unterhalb der Leiste.
Gelegentlich stößt der Arzt bei Beschwerden in der Leiste auf Gefäßveränderungen, etwa eine knotig erweiterte Krampfader (Varixknoten) oder die Aussackung einer Schlagader (Aneurysma).
Die nachfogende Checkliste gibt eine Übersicht über die möglichen Ursachen von Leistenschmerzen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Weitere Informationen zu den genannten Krankheiten, Diagnose und Therapie finden sich jeweils in den entsprechenden Kapiteln.
Checkliste Leistenschmerzen
Leistenbruch, Schenkelbruch (siehe Kapitel „Leistenbruch, Schenkelbruch“)
Geschwollene Lymphknoten (Lympadenitis, Lymphadenopathie) (mehr dazu im Kapitel „Lymphknoten“)
Muskeln, Sehnen, Gelenke (siehe Kapitel „Muskeln, Sehnen, Gelenke“)
Harnsteine, Hoden & Co. (mehr im entsprechenden Kapitel „Harnsteine, Hoden & Co.“)
Abszess, Gefäße (darüber informiert Sie das Kapitel „Abszess, Gefäße“)
Wann zum Arzt?
Schmerzen in der Leiste, auch wenn sie zunächst nur zeitweise da sind, sollte ein Arzt rechtzeitig abklären. Je stärker und akuter die Beschwerden sind, desto dringlicher ist es. Eine schmerzhafte Schwellung kann einem eingeklemmten Leisten- oder Schenkelbruch entsprechen (mehr dazu siehe Kapitel „Leistenbruch, Schenkelbruch“). Hier heißt es sogar: Den Notarzt rufen oder sich umgehend in die chirurgische Notaufnahme begeben.
Auch bei einem akut schmerzhaften Hoden ist der Arzt gefragt. Die Schmerzen strahlen häufig in die Leiste oder den Unterbauch aus. Wichtigste Ursache: eine Hodenstieldrehung, Fachbegriff: Hodentorsion. Sie betrifft einerseits häufig jugendliche und junge Männer im Alter von 13 bis 20 Jahren, andererseits Säuglinge im ersten Lebensjahr. Der geschwollene und gerötete, eventuell auch dunkel verfärbte Hoden lässt unschwer erkennen, wo die Schmerzursache liegt. Auch die Hodentorsion ist ein Notfall und muss sofort in einer (kinder-)urologischen Klinik behandelt werden. Geschieht das rechtzeitig, kann der Hoden gerettet werden.
Kolikschmerzen bei einem Harnleiter- oder Blasenstein können geradezu als „vernichtend“ erlebt werden. Anlaufstelle auch hier: eine urologische Klinik.
Notfallcharakter haben zudem akute Schmerzen im Unterbauch oder Bauch mit Ausstrahlung in die Leiste. Infrage kommen hier zahlreiche Ursachen – von der Eileiterschwangerschaft mit Platzen des Eilters über eine akute Darminfektion bis zur akuten Blinddarmentzündung. Bei einem Schockzustand sofort den Notarzt alarmieren: Tel. 112, und erste Hilfe leisten. Verletzungen der Leistengegend stellen je nach Art und Ausmaß ebenfalls medizinische Akut- oder Notfälle dar, die umgehend in die Hand des Arztes gehören.
Die genauen Schritte zur Diagnose richten sich nach dem Beschwerdebild und den mutmaßlichen Ursachen im Einzelfall. Mehr dazu im Diagnose-Kapitel und bei den jeweiligen Krankheitsbildern in den Ursachen-Kapiteln.
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Informationen und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.
Dr. med. Claudia Osthoff / www.apotheken-umschau.de;
03.06.2011, aktualisiert am 14.05.2012
Bildnachweis: W&B/Felix Schneider, Thinkstock/Digital Vision
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